Verdammt in alle Ewigkeit? – Die deutsche „Schuldkultur“ und ihre Denkverboten

Deutschland hat sich selbst einen Wertekanon verordnet, zu dem es keine Alternative gibt und vor allem keine geben darf. Dieser Kanon besagt im Wesentlichen, dass das heutige Deutschland die ewige Anti-These zum Nationalsozialismus (NS) sein will und in seiner gesamten Politik der ganzen Welt für immer zeigen möchte, dass es das „Nie wieder“ auch wirklich und bis in die letzte Faser verinnerlicht hat.

(Von Dr. Marcus Franz)

Diese Situation scheint auf den ersten Blick verständlich, richtig und gut. Wer nicht weiter darüber nachdenkt, der wird diese monokolore deutsche Haltung auch kritiklos unterstützen. Sie bietet überdies für jeden reichlich Raum, sich als braver und guter Anti-Faschist zu gerieren und und damit etwas für sein persönliches und politisches Wohlbefinden zu tun, denn jede andere als diese eine und einzige Haltung ist verdächtig und womöglich ohnehin sofort abzulehnen und zu verurteilen. Es gibt im aktuellen und strikt gehandhabten Kanon auf der einen Seite nur die neuen, guten Deutschen und auf der anderen nur die bösen, braunen Deutschen. Eine dritte Möglichkeit existiert in diesem Kanon nicht: Tertium non datur.

Neue Probleme

Dieses Schwarz-Weiss-Denken schafft aber auch Nöte – und zwar ganz massive. Alle staats- und völkerrechtlichen Verrenkungen, die im Rahmen der Migrationskrise stattfanden und noch immer stattfinden, sind auf den Kanon der oben beschriebenen Anti-These zurückzuführen: Wer sogar Begriffe wie „Volk“ und „Nation“ und die für die Existenz derselben absolut notwendige Sicherung der Grenzen und das Bekenntnis zum intakten nationalen Staatsgebilde für problematisch hält, weil er glaubt, dass das alles irgendwie bräunlich kontaminiert sei, tappt in die eigene Falle einer sich auf das reine „Nie wieder“ begründenden und ausschließlich darauf reduzierenden Staatsphilosophie, die nichts sein will als für alle Welt offen.

Merkel-Deutschland sah die Migrationskrise als Purgatorium. Für die deutsche Kanzlerin war 2015 die ultimative Möglichkeit gekommen, um Deutschland durch eine sich aus humanitären Gründen demonstrativ über das Recht hinwegsetzende permissive Haltung den Migranten gegenüber nur noch als antifaschistisch und antirassistisch darzustellen. Damit sollte es Deutschland endlich gelingen, in aller Welt als edel, hilfreich und gut wahrgenommen zu werden.

Wer ist das Volk?

„Das Volk ist jeder, der in unserem Lande lebt“ – so sagte die deutsche Kanzlerin Anfang dieses Jahres und brachte damit die gesamte Problematik ihrer Politik nolens volens auf den Punkt. Die neue deutsche Güte, die sich aus dem Anti-NS-Wertekanon entwickelt hat, wird durch den unbedingten Willen zur Öffnung zu einer fast schon grotesken Karikatur ihrer selbst. Kein Land kann für alle offen sein, denn das führt naturgemäß zu seinem Untergang. Die im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlose Güte kehrt sich alsbald in ihr Gegenteil und wird selbstzerstörerisch.  Der ex negativo aufgebaute Kanon verfehlt also in Wirklichkeit auf eine tragische Weise sein Ziel.

Das wissen die deutschen Politiker natürlich und viele von ihnen streben deswegen mit Verve ein vereintes Europa an. Sie huldigen dem antinationalen Denken in Form des Willens zur totalen Globalisierung, zumindest aber zur totalen Europäisierung. Indem man durch die Fusion Europas die vielzitierte „besondere deutsche Verantwortung“ an alle anderen delegiert und sie so aufteilt, kommt man mit sich ins Reine: Die Außengrenze Europas, zu der kann man auch als Deutscher mit gutem Gewissen stehen.

Im Amalgam des zukünftigen gemeinsamen Europas geht das Deutsche auf wie ein Tropfen Wasser im vollen Glas, so hofft man insgeheim. Unweigerlich denkt man an Thilo Sarrazins prägnanten Buchtitel „Deutschland schafft sich ab“. Die Abschaffung Deutschlands ist wohl oder übel auch das Ziel, das folgerichtig am Schluss der beschriebenen Anti-These stehen muss, die durch Merkel so präsent und alltäglich spürbar geworden ist wie nie zuvor.

Verdammt in ewiger Umklammerung?

Bei genauerer Betrachtung der Verhältnisse wird man aber stutzig: Wenn man eine solche fast schon obsessive Politik wie die deutsche vertritt, entsteht der Verdacht, dass man sich von den alten Gespenstern noch gar nicht richtig verabschiedet hat – weil man sich aus noch zu besprechenden Gründen in einer fatalen historischen Umklammerung befindet, die noch nicht gelöst ist. Durch die täglich zelebrierte, immer groß angelegte und immer aufs neue begonnene Vertreibung der braunen Dämonen und durch das „Niemals vergessen“ erhalten diese bösen Geister ja erst recht ein Leben, das ihnen gar nicht zustehen sollte.

Wem nützt das alles?

Der Gedanke drängt sich auf, dass man sich von diesen in ermüdender Redundanz täglich in düstere Szenen gesetzten und doch nur toten deutschen Hausgeistern nicht nur neue Daseins-Legitimationen, sondern vor allem auch eigennützige politische Benefits erwartet: Wer den NS stets laut verdammt und womöglich politische Gegner und die Kritiker des Status quo ins braune Eck stellen kann, der muss sonst keine Argumente finden und kann sich nach einem empörten „Sie Nazi!“ entspannt zurücklehnen.

Die Nazi-Keule ist noch immer ein zwar nicht mehr ganz so wirksames, aber doch noch höchst willkommenes Instrument der politischen Debatte – obwohl längst klar ist: Wer sie pausenlos und überall als Argument-Ersatz verwendet, der macht sich der intellektuellen Unredlichkeit schuldig, denn er perpetuiert die letztlich kontraproduktive deutsche Anti-These und verhindert so eine konstruktive neue Politik, die sich auf die Handlungsebene der Heutigen begibt.

Tertium non datur?

Halten wir kurz inne: Wir haben festgestellt, dass sich die deutsche (und mit ihr natürlich auch die österreichische) Politik durch das geschilderte Schwarz-Weiss-Denken und durch die damit verbundene permanente Umklammerung der bösen gemeinsamen NS-Geschichte an der eigenen Entwicklung hindert. Wir haben im Weiteren gesehen, dass es politische Profiteure dieser ständigen Beschwörung gibt. Und wir haben bemerkt, dass scheinbar keine Alternativen existieren.

Es muss Alternativen geben

Das ist der springende Punkt: Rational betrachtet ist es Unsinn, dass das deutsche (und österreichische) Wesen auf alle Zeiten alternativlos davon beherrscht werden muss, sich ständig mit der eigenen jüngeren Historie zu beschäftigen und diese Beschäftigung als immerwährende Prämisse festzuschreiben. Freilich müssen wir eine spezielle Sensibilität für diese unsere Geschichte behalten, weil das Grauen eben hier bei uns passiert ist. Das muss aber über Bildung und Unterricht erfolgen und nicht über die oft atemlosen und permanenten politischen Versuche, längst vernichtete Dämonen zu vertreiben.

Aus der berechtigten und totalen Ablehnung des NS darf kein trügerisch wirkendes Elixier des Daseins werden, das man von morgens bis abends dem Volk verabreicht. Dieser Trank vernebelt nämlich die Vernunft und er hinterlässt am Ende nur einen großen Kater, der erst recht wieder ein Ressentiment befördert, das keiner von uns haben will.

Wie sieht nun der Ausweg aus diesem wie ein Fluch auf den Nachgeborenen lastenden Dilemma aus? Der große österreichische Denker Rudolf Burger hat schon 2001 in seinem damals im Feuilleton und im politkorrekten Lager helle Empörung verursachenden „Plädoyer für das Vergessen“ gemeint, dass es nicht nur ein Gebot der Klugheit ist, das permanente und alltägliche Gedenken und das ständige Zitieren und Beschwören des Dritten Reichs zu beenden, sondern dass dies auch ein Akt der Pietät den Opfern gegenüber ist. Damit hat er vollkommen recht: Es ist nachgerade schon obszön gegenüber den Millionen von Ermordeten, die schreckensvollen zwölf Jahre des Tausendjährigen Reichs ständig für eigene Zwecke und politische Ziele zu instrumentalisieren.

Ergo dessen muss gelten: Statt uns selber die nicht erlebte Vergangenheit ständig vorzuwerfen und aus dieser ein als Anti-These formuliertes Selbstbild zu konstruieren, sollten wir Heutigen überlegen, was wir wirklich brauchen, um eine gelungene und gute Politik samt sicherer kultureller Identität zu erreichen.

Was wir brauchen

Was wir brauchen, ist eine Wiederbelebung der rechtsstaatlichen und völkerrechtlichen Vernunft – in Deutschland und in Österreich. Diese Vernunft darf nicht länger in der Geiselhaft eines Selbstverständnisses bleiben, das sich nur als Antithese sieht, sondern sie muss dort endlich herausgeholt werden.

Was wir brauchen, ist nicht nur ein Bann absolut jedem Nazi gegenüber, sondern auch den Bann jedes Nazi-Keulenschwingers. Der Rechtsstaat hat die Instrumente, ersteren zu verurteilen: Dafür gibt es das Verbotsgesetz. Und darüber hinaus haben die Politik und die Medien die Möglichkeit und die Macht, jeden der selbstgerechten Keulenschwinger zu kritisieren, denn diese schaden der politischen Debatte, der Identitätsbildung und letztlich unserer gesamten Kultur.

Was wir brauchen, ist eine eine Neuaufladung der ursprünglich und über viele Menschenalter positiv besetzten Begriffe wie Heimat, Vaterland, Nation und Volk. Wir sollten immer daran denken: Diese so vielsagenden und werthaltigen Begriffe wurden nicht vom NS erfunden, sondern von ihm missbraucht – und sie waren schon lange vorher da. Diese Begriffe sind auch die Voraussetzungen dafür, dass überhaupt etwas ist, das sich Staat nennen kann.

Was wir brauchen, ist den Mut, in der so brennenden Frage der Massenmigration Haltungen zu vertreten, die in anderen Ländern wie etwa in den USA oder in Australien völlig normal sind: Es kann keine für alle offenen Grenzen und keine unkontrollierte, ungehinderte Migration geben. Wir müssen endlich die pseudohumanitäre Lüge aufgeben, dass es „menschlich“ wäre, der Massenmigration auch nur in irgendeiner Weise Vorschub zu leisten.

Was wir brauchen,  ist schließlich den Anstand und die Würde, zu unserer eigenen abendländischen Kultur, die wir ja einmütig für die beste halten, klar zu stehen und sie gegenüber anderen Ansprüchen, die diese Hegemonie angreifen wollen, mit allen Mitteln zu verteidigen.

Dr. Marcus Franz / thedailyfranz.at