Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zeigt bei der Münchner Sicherheitskonferenz eine Europaflagge. - Photo by: MSC / Kuhlmann - Creative Commons Attribution Deutschland 3.0 - https://no.m.wikipedia.org/wiki/Fil:20180216_MSC2018_panel_3944.jpg

Schlamm­schlacht Ukraine-Wahl: Ein Wochenrückblick

Auch wenn es dazu in Deutschland kaum Mel­dungen gibt, geht der schmutzige Wahl­kampf in der Ukraine weiter. Hier folgt ein kleiner Über­blick über die Ereig­nisse der Woche.
(Von Thomas Röper)
Poro­schenko, der unter mas­sivem Druck steht, weil er im Zentrum meh­rerer Kor­rup­ti­ons­skandale steht und ihm im Falle seiner Abwahl die Ver­haftung droht, ver­sucht nun zwei­gleisig zu fahren. Sein Wahl­kampf war durch und durch natio­na­lis­tisch, was jedoch im Osten des Landes, wo eth­nische Russen leben, gar nicht gut ankommt. Aber auch im Westen der Ukraine, wo solche Töne eher Anklang finden, gewann er in der ersten Runde der Wahl nur wenige Wahl­be­zirke für sich.
Nun setzt Poro­schenko auf eine Pla­kat­kam­pagne, bei der er und Putin auf den Pla­katen zu sehen sind, gerade so, als trete Poro­schenko gegen Putin selbst an. Dazu der Slogan: „21. Apri: Die ent­schei­dende Wahl!“
Ande­rer­seits ver­steht Poro­schenko, dass er irgendwie auch Stimmen bei den eth­ni­schen Russen ein­sammeln muss, daher hat er in einer Fern­seh­sendung plötzlich zum ersten Mal seit Ewig­keiten rus­sisch anstatt ukrai­nisch gesprochen und den eth­ni­schen Russen im Land gesagt, dass sie nichts zu befürchten hätten und ihre Sprache nicht in Frage gestellt sei. Bei all den anti-rus­si­schen Sprach­ge­setzen, die in den letzten Jahren im Land erlassen wurden, ein sehr durch­sich­tiges Manöver, das auch im totalen Wider­spruch zu seinem natio­na­lis­ti­schen Wahl­kampf und seiner mar­tia­li­schen Rhe­torik steht.

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Nachdem Poro­schenko die ganze Zeit seine Erfolge feierte, die es gar nicht gibt, denn unter seiner Regierung ist das Land total verarmt, gab er sich nun plötzlich nach dem mise­rablen Ergebnis der ersten Wahl­runde sogar ein wenig reu­mütig: „Die Unzu­frie­denheit in der Gesell­schaft nicht zu sehen, ist unmöglich. Das war eine Lehre für Poro­schenko, Poro­schenko hat die Lektion gelernt, Poro­schenko hat es ange­nommen”, sagte er wörtlich.
Die Umfragen bestä­tigen wäh­rend­dessen ein­deutig, dass Selensky mit fairen Mitteln nicht mehr zu stoppen ist. Elf Tage vor der Stichwahl sagen Wahl­um­fragen ca. 50% Zustimmung für Selensky gegenüber nur ca. 20% für Poro­schenko voraus, die rest­lichen 30 Prozent sind unent­schlossene Wähler, von denen viele auch nicht zur Wahl gehen werden.
Unter­dessen ist immer noch nicht klar, ob es tat­sächlich zu einem TV-Duell der Kan­di­daten kommt. Nachdem der erfahrene Poro­schenko stets auf eine Debatte gedrängt hatte, weil er der Meinung war, dort punkten zu können, hat Selensky nach der ersten Wahl­runde die Initiative über­nommen und eine öffent­liche Debatte am 19. April, dem Freitag vor der Wahl, im größten Stadion der Ukraine gefordert. Poro­schenko ist darauf zunächst ein­ge­gangen, um danach wieder zurück­zu­rudern und auf den 14. April zu bestehen. Selensky bleibt bisher jedoch unnach­giebig in dieser Frage.
Während die Zustände in der Ukraine immer unhalt­barer werden, miss­liebige Jour­na­listen werden ver­haftet oder sterben unter mys­te­riösen Umständen, kri­tische euro­päische Jour­na­listen bekommen Ein­rei­se­verbote, gibt sich Berlin davon unbe­ein­druckt und Merkel emp­fängt Poro­schenko, was man ein­deutig als Wahl­kampf­hilfe ver­stehen muss. Darauf ange­sprochen bestritt der Regie­rungs­sprecher aber, dass es Wahl­kampf­hilfe ist. Statt­dessen sagte er laut Spiegel:
„Es gebe jede Menge zu besprechen, betonte Seibert: die Umsetzung der Minsker Ver­ein­ba­rungen zum Kon­flikt in der Ost­ukraine, die Situation der von Russland fest­ge­hal­tenen See­leute, die grund­sätz­liche Situation an der Straße von Kertsch.“
Nur wozu mit einem Prä­si­denten über diese Themen sprechen, wenn es in wenigen Wochen einen neuen Prä­si­denten geben dürfte? Alles, was man heute mit Poro­schenko noch bespricht, steht nach der Wahl in Frage und muss neu besprochen werden. Es ist also eine recht unver­hohlene Unter­stützung für Poro­schenko aus dem Kanzleramt.
Frank­reichs Prä­sident Macron geht da geschickter vor. Während Merkel ein­seitig Poro­schenko unter­stützt und ihn am heu­tigen Freitag trifft, trifft Macron heute zunächst Selensky und am Abend auch Poroschenko.
 

Thomas Röper — www.anti-spiegel.ru
Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Ost­europa in ver­schie­denen Ver­si­che­rungs- und Finanz­dienst­leis­tungs­un­ter­nehmen in Ost­europa und Russland Vor­stands- und Auf­sichts­rats­po­si­tionen bekleidet, bevor er sich ent­schloss, sich als unab­hän­giger Unter­neh­mens­be­rater in seiner Wahl­heimat St. Petersburg nie­der­zu­lassen. Er lebt ins­gesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwer­punkte seiner medi­en­kri­ti­schen Arbeit sind das (mediale) Russ­landbild in Deutschland, Kritik an der Bericht­erstattung west­licher Medien im All­ge­meinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
Thomas Röper ist Autor des Buches „Vla­dimir Putin: Seht Ihr, was Ihr ange­richtet habt?“